SELBSTENTWICKLUNG

Neben der reinen beruflichen Orientierung kann es sein, dass Sie sich auch anders Selbst-Verwirklichen*) wollen.
Hier betreten Sie die Bereiche der eigenen Stärken, des Lebenssinnes und weiterer Sinnfragen schlechthin.

*) ein geflügeltes Wort, beim näheren Hinsehen genau genommen Un-sinn. Was soll damit ausgesagt werden? Man ist nicht wirklich oder hat kein wirkliches Selbst, das bereits wirklich ist? Selbstentwicklung geht von einem Selbst aus, das bereits vorhanden ist aber weiter entwickelt werden kann.

Urteile und Wertungen (1)

Dort, wo die Details einer Situation fehlen, die es uns drängt zu be-urteilen, muss jedes Urteil unmöglich sein. Dort, wo alle Details und Umstände einer Situation bekannt sind, wird man nicht urteilen, weil man versteht. Abgesehen davon wird es schwer sein, wirklich alle Details zu kennen.
Wir unterscheiden meist nicht zwischen Urteilen und Unterscheidungen treffen, das ist etwas ganz Anderes. Sich für etwas entscheiden bedeutet nicht unbedingt, etwas zu bewerten oder abzuwerten.

Im Zweifelsfall das Urteilen ganz vermeiden. Zweifelsfall wird fast immer sein. Sie entwicklen sich besonders ohne zu urteilen zu einem klügeren und angenehmeren Menschen.

Glaubensfragen und Religion(en)

Wenn von Selbstentwicklung die Rede ist, dann ist doch eher eine Aufwärtsentwicklung gemeint. Was auch immer damit und von wem auch immer beabsichtigt war und ist - ein Bild eines zermarteren menschlichen Körpers, noch dazu häufig in einer wirksamen Ecke eines Raumes war für mich schon als Kind nie aufbauend. Das tut der Geschichte und Bedeutung des Ereignisses von ca. 2000 Jahren keineswegs Abbruch.

Trotzdem ist für mich persönlich wesentlicher, bedeutungsvoller und aufbauender folgendes Bild der Auferstehung aus dem Isenheimer Altar von Mathias (Mathis Gothart) Grünewald (um 1475 - 1528):


Gebet

All ihr Wesen, ich verzeihe euch,
und will euch um Vergebung bitten,
für Leid durch Denken, Wort und Tat erlitten,
aus tiefer Seele mit ganzem Herz.
Getilgt sei alle Schuld und Schmerz!
So möge Gott auch mir verzeihn,
lässt mich von aller Schuld befrein.
Will dies tun in tiefer Reue,
will verletzen nicht aufs neue,
schon im Denken tilgen böse Saat,
dass sie keine Kraft zum Keimen hat.
Mag Willenskraft nur auf mich lenken,
statt andere damit zu kränken.
Aus Liebesmangel nichts und niemand schaden,
mich nicht mit neuer Schuld beladen.
"Wie ich will, dass mir getan,
So tu ich anderen wenn es ihr Wille."
Dies Gebot sei meine heil´ge Hülle,
und möge leiten mich fortan.

R.F.L. Clarus

Kommentar:

Das Gebet enthält die goldene Regel mit einer interessanten Abweichung: "... wenn es ihr Wille."
Als Grundlage für weitere Gedanken, hier die mir am zutreffendsten scheinende Übersetzung der Bibelstelle mit Kommentar:

"Und wie ihr wollt,
dass die Menschen euch tun sollen,
so sollt ihr ihnen tun!

Dieser Dreizeiler, die so genannte Goldene Regel, ist eine weisheitliche Regel für das Verhalten zwischen Mensch und Mitmensch, galt und gilt also für jedermann. In der hier bevorzugten Q-Lk-Fassung (2. Prs. pl.) setzt sie ein beim Wollen zugunsten des eigenen Wohlergehens und zielt ab auf ein Sollen zugunsten des Wohlergehens anderer Menschen; und zwar nach dem wie ... so-
Zusammenhang, das heißt folgerichtig und gleichgewichtig. In der negativen Fassung (2. Prs. sg.) "Was dir verhasst ist, tue deinem Nächsten nicht!" war diese Verhaltensregel schon in vorjeschuanischer Zeit in seinem Volk bekannt. Sie stammte von Rabbi Hillel (um 20 v. u. Z.), und es ist nicht auszuschließen, dass Jeschu sie gekannt hat.War es so, dann geschah es nicht zufällig, dass er ihr eine positive Form (2. Prs. pl.) gab. Denn erst dadurch wurde sie geeignet, ihm und seiner Lehre zu
dienen; und zwar als ein Kernsatz seiner öffentlichen Verkündigung."

Quelle:

Günther Schwarz
"Das älteste Evangelium"
Nach den Spruchquellen des Matthäus und des Lukasevangeliums mit Kommentaren.

Was kann der Verfasser des Gebetes gemeint haben? Soll es eine Ergänzung einer heiligen Bibelstelle sein? Setzt der aus dem Zusammenhang gegriffene Satz etwas voraus, das so nicht klar erkennbar ist? Wie kann nun die von der Bibelstelle abweichende Formulierung gedeutet werden? Am naheliegendsten scheint, auszuschliessen, dass alles, was man vielleicht wirklich in gutem Glauben oder in bester Absicht einem anderen tun will, nicht immer vom anderen auch erwünscht ist.
Ein Beispiel:
Jemand, der sich nach körperlicher Zärtlichkeit sehnt ("Und wie ihr wollt, dass die Menschen euch tun sollen...") und zu jemand anderem zärtlich ist ("...so sollt ihr ihnen tun!") kann mit dieser Deutung dramatische Situationen auslösen. Im schlimmsten Fall die Traumatisierung des anderen und selbst sträflichen sexuellen Übergriff begehen.
Sind damit etwa die Verfehlungen vieler Priester erklärbar, die die biblischen Regeln ganz besonders gut kennen und die goldene Regel so deuten?

Wenn diese Überlegungen zutreffen, dann könnte der obige Zusatz: "wenn es ihr Wille" gemeint haben, dass wir nicht nur von unseren Bedürfnissen ausgehen dürfen, sondern immer auch berücksichtigen müssen, ob sich mein Wille auch mit dem des anderen deckt.

Natürlich gibt es weitere Regeln in der Bibel, die eine Missdeutung verhindern würden, wenn man sie kennt. In dieser isolierten Form ist die Gefahr einer Fehldeutung jedoch sehr gross.
Man sagt auch, die größten Verbrechen geschehen, weil es jemand gut meint - also von der eigenen Meinung ausgehend annehmen, dass andere ebenso denken, ohne sie zu fragen.
Der Zusatz "...wenn es ihr Wille", verbietet jeden schädigenden Umgang mit anderen Menschen - sofern es sich um Mitmenschen handelt, die sich der Konsequenzen ihrer Entscheidungen bewußt sind, selbst erwachsen entscheiden können und wollen.